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Liebe Email- Schreiberin ! Lieber Emailschreiber !
"Wir stehen auf halbem Weg zwischen Affen und Carnivoren (Fleischfressern)" sagt der Biologe und Philosoph Andreas Weber in seinem Greenpeace-Aufsatz "Der Verlust der Liebe". Wir können uns nicht entscheiden, was wir sein wollen. Unsere Fähigkeit zu reflektiertem Handeln läßt uns lediglich darüber entscheiden wie wir es sein wollen. Nicht wir haben uns an die Spitze der Arten gestellt, sondern die Evolution hat es getan. Würden Sie einen Hirsch befragen können, ob er lieber er von einem Wolfsrudel gehetzt und an der Kehle gewürgt werden möchte bis der Tot eintritt oder von einem Jäger durch einen Blattschuss erlegt werden möchte, würde er sich wohl für das Zweite entscheiden. Sicherlich ist beides in gewisser Weise grausam. Immerhin müssen wir ein Tier nicht mehr durch den Kehl- oder Nackenbiss töten, wie es zum Teil unsere Vorfahren der frühen Steinzeit in der Steppe taten, die übrigens wie die Wölfe in Rudeln jagdten. Deswegen wurde das Vorbild Wolf ja auch des Menschen wichtigster Gefährte und in seiner ungezähmten Art des Menschten größter Konkurrent. Jedenfalls wäre unser degeneriertes Raubtiergebiss heute auch nicht mehr geeignet zum Töten.
Sie haben recht, wenn Sie sagen, dass wir eine sehr hohe Verantwortung tragen. Ich persönlich halte den Erhalt der Artenvielfalt für eines der höchsten Ziele der Menschheit, weswegen ich ja auch gerade an den WWF gespendet habe. Wenn uns das gelingt, gelingt und uns vieles mehr, das sich daraus ableiten läßt.
Die Natur ist herrlich und grausam. Wenn wir Naturräume in ihrer ursprünglichsten, unverfälschtesten Art und damit die Artenvielfalt erhalten wollen, dann müssen wir diese unauflösliche Polarität, deren einer Pol das Archaische (von Arche abgeleitet) ist akzeptieren.Die Vorstellung des typischen naturentfremdeten (Stadt)menschen von Grausamkeit spiegelt immer die Angst vor der fernen Vergangenheit, also vor etwas Archaischem. Wenn aber die Natur grausam ist, wie sollte dann der Mensch nicht grausam sein als der bedeutenste Faktor und Predater innerhalb der Natur. Sowohl Horst Stern als auch Andreas Weber und andere bedeutende Ökologen stellen fest, dass es keine exclusiven Systeme für den Menschen gibt. Glauben Sie mir: Das, was Autobahnen, Großstädte und Chemiefabriken (z. B. zur Herstellung von Webpelzen)in Bezug auf die relativ unberührten Naturreservate anrichten wird in der Konsequenz viel grausamer sein als die natürlichste Art von Naturnutzung bzw Erwerb die es je gab, nämlich das Jäger- und Sammlerdasein, wodurch übrigens erst möglich wird, dass Mensch und Tier den selben Lebensraum bewohnen, ohne das der Mensch die Natur in ihrer Ursprünglichkeit zerstört. Sie werden in der Natur nichts finden, das nicht in die Kreisläufe von Fressen und Gefressen werden, bzw. Jäger und Gejagtem einzuordnen ist. Außer dem Menschen, weil er an der Spitze steht. Deswegen braucht der Mensch ökologisch betrachtet wohl immer noch sich selbst zum Feind, z.B. durch Kriege. Jedenfalls wird das solange so bleiben, solange die Menschheit wächst.
Die Konsequenz daraus, dass die Menschheit wächst ist unweigerlich Krieg, es sei denn die Natur läßt sich vorher was anderes einfallen, wie z. B. eine Eiszeit oder ein gigantisches Überschwappen der Meere. Immerhin leben 70 - 80 % der Menschheit in einem lediglich 20 Kilometer breiten Gürtel an den Meeren.
Es wäre doch schön, wenn die Menschheit wenigstens erreichen könnte die Grausamkeit von Menschen gegen Menschen zu vermeiden, z. B. durch Geburtenkontrolle.
Weil das alles so ist, sehe ich in der Weichheit und Inkonsequenz die menschliche Dekadenz. Ein harter Mensch muss absolut kein guter Mensch sein, aber ein guter Mensch ist mit Sicherheit aus sehr hartem Holz geschnitzt. Bei keiner anderen Spezies ist die Option ob aus einem Neugeborenen jemals ein wirkliches Mitglied der eigenen Art wird so wage wie beim Menschen, auf dem 3.000 Jahre Kulturgeschichte lasten. Ein Delphin oder ein Leopard kommen meistens als das auf die Welt was Sie auch sein werden. Sie brauchen in ihrer natürlichen Vollkommenheit nicht all die Mittel die der Mensch zum Leben und Überleben braucht. Ein Mensch braucht heut zutage doch schon an die 30 Jahre, um überhaupt erwachsen zu werden und überstrapaziert die Ressourcen wie kein anderes Tier. "Und so ist doch jede Kreatur ein Anlauf der Natur, von der Kreatur hin zum Menschen." sagt Herman Hesse
Die Menschheit als Ganzes betrachtet ist bislang jedenfalls ein Parasit, der Mensch im Einzelnen und in seinen Möglichkeiten ist die Krone der Schöpfung. Wir können aus einer Wüste ein Paradies machen und ungleich schneller aus einem Paradies eine Wüste.
Nun wissen Sie ein wenig mehr darüber, was mich so beschäftigt.
In diesem Sinne vernünftiger Tierschutz ist eine gute Sache. Aber ich kann und will mich nur auf der Basis eines fundierten ökologischen Weltbildes damit aus einander setzen und nur mit Leuten austauschen, die mir soweit folgen können.
Die PETA hat den Judenmord mit dem Keulen von pestkranken Schweinen auf eine Stufe gestellt und mit entsprechenden Bildvergleichen illustriert. Ebenso angewidert bin ich von Leuten, die bei sommerlichen Temperaturen mit dem Slogen "Lieber nackt als einen Pelz" durch Fußgängerzonen laufen. Es ist doch klar, dass Pelze nur im Winter getragen werden. Würden die das glaubwürdigerweise jetzt einmal tun, wären sie nach einer halben Stunde tot. Dort, wo ich schreibe, zeigt das Termometer gerade 14 Grad minus. Solche Aktionen empfinde ich als gleichermaßen lächerlich, naiv und blasphemisch wie die Behauptung, Pelz sei nicht schön. Das ist eine Verhöhnung der Natur und der Produkte der Natur und zeigt einen sehr unökologischen Standpunkt.
Die etische Unterscheidung zwischen Farmpelz und Wildpelz mache ich offen in meinen eigenen Texten und auch meinen Kunden gegenüber. Es gibt sehr viele Felle von Tieren die ich verarbeite, die garnicht vorwiegend wegen ihres Felles gejagd werden. Ich kann eine Ablehnung von farmgezüchteten Füchsen und Nerzen durchaus nachempfinden und begegne einer Ablehnung nicht mit simplen Argumenten. Ich würde niemals behaupten, dass ein Farmnerz im Paradies lebt und würde auch meinen das ein solches Raubtier intelligenter und freiheitsliebender ist als vielleicht ein Huhn. Letztlich muss sich der Verbraucher entscheiden.
Immerhin erfüllt ein Nerzmantel seinen Zweck durchaus vierzig bis fünfzig Jahre, während derer er sich modisch mehrmals aktualisieren läßt, wovon viele Menschen in meiner Branche leben. Nur frage ich mich, ob bei PETA-Aktivisten der Respekt vor dem Erwerb anderer Menschen überhaupt eine Rolle spielt. Sie machen es sich sehr leicht, wenn Sie ein nicht verrottbares Chemieprodukt, nämlich Webpelz, für dessen Herrstellung wohl immer noch Dünnsäure verklappt wird, als Alternative zum Naturpelz betrachten und Sie erweisen der Ökologie und der Artenviellfalt gleichermassen damit einen Götzendienst, denn der Mensch wird nur erhalten können, was er wirtschaftlich in verantwortungsbewußter Weise auch nutzt.
Ich bin mir durchaus bewußt, dass ich hier nur für meinen Betrieb und nicht für die ganze Pelzbranche sprechen kann, zumindest insofern, dass ich überhaupt zu Ihnen spreche. Zum Teil ist eine Verhärtung der Standpunkte aber auch verständlich, wenn man bedenkt, wie oft einige Kollegen durch das Einschmeissen von Scheiben oder sonstige Gewalttätigkeiten von militanten Tierrechtlern kriminell geschädigt wurden.

Abschließend noch ein Wort zu Ihrer Aussage "Wir leben doch nicht mehr in der Steinzeit." Das ist ja das Problem. Immerhin war in der Steinzeit die Luft noch klar und die Arche Noah noch komplett. Schauen Sie kein Fernsehen oder lesen Sie keine Zeitung ?? Auf das Einschaltqutenprinzip ist Verlass: Gewalt, Sex und Kriminalität und nochmal Gewalt. Da sehen Sie die Sehnsüchte von Steinzeitmenschen, die in einer dem Genius von ein paar Genies zu verdankenden Neuzeit leben müssen. Da sehen Sie was unter der dünnen Haut einer pseudozivilisierten Welt liegt. Wär es manchmal nicht besser, sie hätten Steine in der Hand, statt Hightechwaffen oder gar Atomwaffen, oder sie würden reiten oder zu Fuss gehen, statt mit 160 Ps unter dem Hintern die Straßen unsicher zu machen und dabei den Tieren durch tot- oder anfahren sehr viele Qualen zufügen (die zu beenden übrigens immer den von Ihnen ebenfalls verhassten Jägern obligt)?
Vielleicht steuert die Menschheit auf Zustände zu, aufgrund derer sie sich danach sehnen wird noch einmal in der grausamen aber wunderschönen Steinzeit leben zu dürfen. Aber so leicht geht das eben nicht. Die Steinzeit wird es nie wieder geben, ohne dass eine neue Erde, ein neuer Himmel und eine neue Sonne entstehen . Wir können nur versuchen, soviel wie möglich davon zu bewahren.
Dezember 2010
Hans Arp

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